Die deutsche Wirtschaft steht unter Druck: geopolitische Unsicherheiten, wachsender globaler Wettbewerb und schleppende Reformprozesse bremsen viele Unternehmen aus. Umso wichtiger wird die Frage: Was braucht es, damit Deutschland wieder mehr Innovationskraft entfaltet und wirtschaftlich durchstartet?
Michelin setzt seit Jahrzehnten auf zukunftsweisende Technologien und investiert massiv in Forschung sowie Entwicklung. Das Unternehmen steht beispielhaft für eine Industrie, die Transformation nicht nur mitmacht, sondern aktiv gestaltet. Im Interview spricht Maria Röttger, CEO & President Michelin Europa Nord, über Innovationskraft, Führungsprinzipien – und was die Politik jetzt liefern muss.
Frau Röttger, wenn man die wirtschaftliche Lage als Straßenverhältnis beschreiben müsste – wo stehen wir gerade?
Wir kommen von einer sehr gut ausgebauten Autobahn, die Deutschland über Jahrzehnte hinweg getragen hat. Aber aktuell stehen wir an einer T-Kreuzung und müssen entscheiden, wohin es weitergeht. Für viele Unternehmen bedeutet das: Restrukturierung auf der einen, Investition und Innovation auf der anderen Seite. Wichtig ist jetzt, dass wir gemeinsam die richtige Abbiegung nehmen – Industrie, Politik, Mittelstand und Verbraucher.
Was erwarten Sie konkret von der neuen Bundesregierung – gerade mit Blick auf Wettbewerbsfähigkeit?
Vor allem eines: Klarheit. In den letzten Jahren wurden viele regulierende Maßnahmen beschlossen – vom Lieferkettengesetz bis zur Entwaldungsverordnung – ohne dass deren Umsetzung ausreichend mit der Wirtschaft abgestimmt wurde. Es geht nicht darum, ob wir diese Ziele teilen. Wir teilen sie. Aber der Dialog und die Machbarkeit müssen im Mittelpunkt stehen. 2025 ist das Jahr der Weichenstellung. Jetzt geht es darum, nicht noch mehr obendrauf zu packen, sondern klug zu priorisieren und gemeinsam umzusetzen.
Maria Röttger, CEO & President Michelin Europa Nord
Sie sprechen von Dialog. Ist hier ein Wandel erkennbar?
Definitiv. Ich spüre, dass sich seit 2024 ein echtes Umdenken vollzieht – sowohl in Berlin als auch in Brüssel. Themen wie Bürokratieabbau, bezahlbare Energie und Industriepolitik werden gehört. Das vierte Omnibuspaket der EU ist ein Zeichen, dass der Austausch mit der Industrie jetzt ernster genommen wird. Das ist gut. Aber es braucht jetzt auch konkrete Lösungen, keine weiteren Prüfaufträge.
Michelin investiert jährlich 1,2 Milliarden Euro in Forschung und Entwicklung. Auch in Krisenzeiten?
Absolut. Innovation ist kein Luxus, sondern Überlebensstrategie. In unsicheren Zeiten ist es umso wichtiger, bewusst in Technologie und nachhaltige Materialien zu investieren. Wir haben einen langen Atem und einen klaren Purpose – deshalb bleiben wir auch in herausfordernden Jahren innovationsstark. Unser Ziel ist Technologieführerschaft. Nur so gestalten wir Zukunft.
„Wenn alle Autofahrer in Europa ihre Reifen bis zur gesetzlich zulässigen Profiltiefe nutzen würden, könnten 128 Millionen Reifen eingespart werden – das entspricht 6,2 Millionen Tonnen CO₂.“ Maria Röttger, CEO Michelin Europa Nord
Und wie führen Sie persönlich durch diese Zeiten?
Mein Führungsstil basiert auf einem Dreiklang: Was bedeutet eine Entscheidung für die Menschen, für den Planeten und für die wirtschaftliche Tragfähigkeit? Nur wenn alle drei Dimensionen in Balance sind, ist sie richtig. Das gilt im Kleinen wie im Großen. Und ich glaube fest daran: Wir brauchen Arbeitsumgebungen, in denen Menschen die beste Version ihrer selbst sein können. Das ist unser Anspruch – jeden Tag.
Nachhaltigkeit ist für viele Unternehmen Pflichtprogramm. Was macht Michelin anders?
Wir machen Nachhaltigkeit zum Wettbewerbsvorteil. Ein Beispiel: Wenn alle PKW-Reifen in Europa bis zur gesetzlich zulässigen Profiltiefe von 1,6 mm gefahren würden, könnten 128 Millionen Reifen eingespart werden – das entspricht 6,2 Millionen Tonnen CO₂. Unsere Produkte sind dafür gemacht, Performance bis zum letzten Millimeter zu liefern. So verbinden wir Sicherheit, Nachhaltigkeit und Effizienz.
Michelin ist weit mehr als ein Reifenhersteller. Was ist Strategie, was Tradition?
Unsere Vielfalt ist beides: Teil unserer über 130-jährigen Geschichte – und strategisches Zukunftsmanagement. Alles, was wir tun – ob Hochleistungsreifen, Fördertechnik oder Segel für Frachtschiffe – ist durchdrungen von unserer Kompetenz in Werkstofftechnologie. Wenn wir in der Schifffahrt helfen können, CO₂ zu reduzieren, dann ist das für uns keine Exotenlösung, sondern ein logischer Schritt.
Mit der Euro-7-Norm wird erstmals auch Reifenabrieb reguliert. Sind Sie vorbereitet? Ja. Wir berücksichtigen den gesamten Lebenszyklus unserer Produkte – vom Rohstoff bis zur Entsorgung. Beim Thema Abrieb zeigen Studien: Unsere Reifen haben im Vergleich zu anderen Premium- und Budgetreifen bis zu 28 % weniger Abrieb. Nachhaltigkeit beginnt beim Produktdesign und wir sind bereit, diese Normen mitzugestalten.
Wenn Sie ein Motto für Ihre Zeit bei Michelin Deutschland formulieren müssten – wie würde es lauten?
„Vorausschauend führen, gemeinsam gestalten.“ Transformation gelingt nicht durch Reaktion, sondern durch kluge, mutige Entscheidungen – mit Verantwortung für Menschen, Umwelt und Wirtschaft.
Neue Maßstäbe bei Nachhaltigkeit im Straßenverkehr: Der ADAC hat 2025 erstmals den Reifenabrieb von über 160 Modellen getestet – mit klarem Sieger.
Platz Hersteller Abrieb (mg/km/t Fahrzeuggewicht)
1 Michelin 52
2 Hankook 62
3 Continental 63
4 Goodyear 65
Laut ADAC können durch abriebarme Reifen Mikroplastik und CO₂ signifikant reduziert werden. Quelle: ADAC 2025, Reifenabrieb-Test
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