Lange war die Automobilindustrie das Rückgrat der deutschen Wirtschaft – Synonym für Innovation, Exportstärke und Arbeitsplätze. Doch neue Wettbewerber, technologische Umbrüche und politische Unsicherheiten stellen die Branche vor enorme Herausforderungen. Maria Röttger, CEO & President Michelin Europa Nord, über Verantwortung, Wandel – und warum Europa den Mut haben sollte, eine neue Führungsrolle zu übernehmen.
Die Automobilindustrie ist ins Wanken geraten. Wie kann sie wieder Taktgeber werden?
Nur durch aktiven Gestaltungswillen. Wir haben keine Wahl: Die Automobilindustrie ist ein Eckpfeiler der europäischen Wirtschaft – für Jobs, Wohlstand und Stabilität. Aber sie muss sich neu erfinden. Dazu gehört ein klares Bekenntnis zur technologischen Exzellenz, zur Digitalisierung und zur Nachhaltigkeit. Wir dürfen uns nicht mit Mittelmaß zufriedengeben – weder bei Produkten noch bei Prozessen.
Was für eine innere Haltung braucht es dafür?
Pioniergeist, Fleiß und Neugier. Made in Germany war nie nur ein Label – es war eine Haltung. Wir müssen wieder Lust auf Fortschritt machen, querdenken, interdisziplinär arbeiten. Bei Michelin bringen wir bewusst Teams mit unterschiedlichen Perspektiven zusammen, definieren gemeinsam Probleme und entwickeln tragfähige Lösungen. Das ist unsere Kultur.
„Die großen Herausforderungen unserer Zeit – Klimaschutz, technologische Souveränität, resiliente Lieferketten – lassen sich nur europäisch lösen. Die deutsch-französische Achse ist dabei der Motor.“

CEO & President Michelin Europa Nord
Maria Röttger (Jg. 1977) leitet seit Juni 2022 die Region Europe North bei Michelin – zuständig für Deutschland, Österreich, die Schweiz, Skandinavien, UK, Irland und Island. Als erste Frau weltweit in dieser Rolle innerhalb des Konzerns verantwortet sie rund 7.000 Mitarbeitende und treibt Themen wie Technologieführerschaft, Nachhaltigkeit und Transformation konsequent voran.
Ihre Karriere ist geprägt vom Aufbau interdisziplinärer Teams, Veränderungsmanagement und der Überzeugung, dass erfolgreiche Transformation beim Menschen beginnt.
Wie gelingt der Spagat zwischen E-Mobilität, Digitalisierung und Nachhaltigkeit?
Indem wir systematisch vorgehen. Transformation ist kein Selbstläufer – sie braucht Struktur. Wir analysieren, priorisieren, setzen klare Ziele und verfolgen sie konsequent. Nicht alles gelingt auf Anhieb. Aber wir lernen iterativ. Und wir denken immer voraus: Wie werden wir morgen mobil sein – und wie können wir das heute schon besser machen?
Michelin ist französisch geprägt, aber stark in Deutschland verankert. Ist Europa die Zukunft?
Unbedingt. Die großen Herausforderungen unserer Zeit – Klimaschutz, technologische Souveränität, resiliente Lieferketten – lassen sich nur europäisch lösen. Die deutsch-französische Achse ist dabei der Motor. Ich erinnere mich an die Aufbruchsstimmung, als nach der letzten Wahl Macron und Scholz schnell gemeinsame Initiativen angestoßen haben. Solche Signale brauchen wir mehr.
Trotz Krise hält Michelin am Innovationskurs fest. Warum?
Weil Innovation unsere DNA ist. Gerade in schwierigen Zeiten müssen wir mutig investieren. Das tun wir – mit über 1,2 Milliarden Euro jährlich in Forschung, Entwicklung und Innovation. Nur so bleiben wir technologisch an der Spitze und sichern unsere Zukunft – als Unternehmen, aber auch als Industrie.
Der Wettbewerb wird härter – vor allem aus Asien und den USA. Wie gehen Sie damit um?
Indem wir ihn als Ansporn sehen. Wettbewerb heißt für uns: besser werden. Aber unser Fokus liegt auf fairem, nachhaltigem, globalem Handel. Nicht auf Abschottung. Europa muss hier eine Vorreiterrolle einnehmen – mit Standards, die ökologisch wie wirtschaftlich tragfähig sind.
Krisen gelten oft als Wendepunkte. Welche Chancen sehen Sie aktuell für Europa und Deutschland?
Wir können zeigen, dass Nachhaltigkeit, Wohlstand und Sicherheit kein Widerspruch sind – sondern sich gegenseitig stärken. Die Transformation ist eine Riesenchance, Europa als Wirtschafts- und Wertegemeinschaft neu zu definieren. Das geht nur gemeinsam – aber es geht.
Die Automobilindustrie gilt als Rückgrat der deutschen Industrie. Sie steht für technologische Exzellenz, Exporterfolge – und seit einiger Zeit auch für Transformation und Herausforderungen. Hier ein kompakter Überblick:
Jahr | Zentrale Entwicklung |
|---|---|
2015 | Höchststand: Über 15 Mio. Fahrzeuge weltweit durch deutsche Hersteller produziert |
2017 | Beginn der Dieselkrise: Vertrauensverlust, Rückgänge bei Dieselzulassungen |
2018 | Rückläufige Exporte – erste große Investitionen in Elektromobilität |
2020 | Pandemie-Einbruch: Produktion –25 %, massive Störungen in Lieferketten |
2021 | Halbleitermangel: Lieferzeiten steigen, Nachfrage nach E-Autos nimmt stark zu |
2022 | E-Auto-Zulassungen steigen um 30 %, F&E-Ausgaben erreichen Rekordhöhe |
2023 | E-Auto-Anteil überschreitet 20 % bei Neuzulassungen |
2024 | China-Exporte schwächeln, aber starkes Wachstum in USA und EU-Binnenmarkt |
2025 | Strukturwandel intensiviert sich: Fokus auf Digitalisierung, autonomes Fahren, grüne Lieferketten |
Quelle: VDA, Destatis, ifo Institut, BDI – Stand: Juni 2025
öffnet in neuem Tab oder Fenster