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PARLAMENTARISCHES FRÜHSTÜCK IM BUNDESTAG

Europäischer Gipfel

zur digitalen Souveränität: 

So kann Europa auf die Überholspur wechseln


Berlin. Europas digitale Unabhängigkeit entscheidet sich an einer zentralen Frage: Wie viel Kontrolle behalten Staat und Wirtschaft über ihre eigenen Systeme und Daten? Beim Tagesspiegel Berlin Circle im Deutschen Bundestag wurde deutlich, dass Open Source und europäische Cloud-Infrastrukturen dabei eine entscheidende Rolle spielen.

Den politischen Rahmen des parlamentarischen Frühstücks im Deutschen Bundestag setzte François Delattre, der französische Botschafter in Deutschland. Er machte deutlich, dass digitale Souveränität keine nationale, sondern eine europäische Aufgabe ist – und dass Deutschland und Frankreich hier gemeinsam vorangehen müssen. Nur durch enge Kooperation in Schlüsseltechnologien wie Cloud, Künstlicher Intelligenz und Quantenforschung lasse sich Europas Handlungsfähigkeit langfristig sichern.

François Delattre, Französischer Botschafter in Deutschland

Delattre verwies auf den für Mitte November geplanten europäischen Gipfel zur digitalen Souveränität in Berlin, den beide Länder gemeinsam ausrichten. Dort sollen konkrete Roadmaps zur Stärkung europäischer Cloud-Infrastrukturen und offener Standards vorgestellt werden – ein Symbol dafür, dass Souveränität und Wettbewerbsfähigkeit zwei Seiten derselben Medaille sind.

Zu dem parlamentarischen Frühstück hatten sich Politik, Wirtschaft und NGOs zusammengefunden – neben dem Botschafter dabei waren Britta Behrendt, Abteilungsleiterin Digitales und Staatsmodernisierung im Bundeskanzleramt, Henri Schmidt MdB (CDU/CSU) und Christina Schmidt-Holtmann, Referatsleiterin Digitale Wirtschaft und digitale Souveränität im BMDS. Die europäische Digitalwirtschaft vertraten unter anderem Holger Pfister, Vice President DACH-Region von SUSE und Andreas Grigull, Sales Director Deutschland von OVHcloud. Schirmherr war der europapolitische Sprecher der CDU-CSU-Fraktion Roland Theis MdB.

Die europäische Digitalwirtschaft steht bereit – als souveräner Partner


Die politische Dringlichkeit ist groß. Europa ist bei zentralen digitalen Diensten noch immer stark von außereuropäischen Anbietern abhängig. Entsprechend fordern Fachleute, die bestehenden Strategien jetzt konsequent in konkrete Projekte zu übersetzen.
In der Diskussion wurde deutlich, dass Open Source dabei als strategischer Hebel gilt: Offener Code erhöht Sicherheit und Transparenz, erlaubt flexible Weiterentwicklung und verhindert teure Abhängigkeiten. Zudem stärkt er die europäische Innovationskraft, weil Forschungsergebnisse schneller in marktreife Lösungen überführt werden können.

Aus Sicht der Digitalwirtschaft ist die Zeit reif, das Potenzial offener Systeme auch wirtschaftlich zu nutzen. Unternehmen wie der Softwareanbieter SUSE sehen in Open Source längst nicht mehr nur eine Nische, sondern den Standard für stabile und skalierbare Infrastrukturen. OVHcloud wiederum unterstrich beim parlamentarischen Frühstück die Bedeutung einer europäischen Cloud, die technologische Leistungsfähigkeit mit Wertschöpfung in Europa verbindet.

Die klare Botschaft der Tech-Unternehmen: Die europäische Tech-Branche ist bereit – jetzt braucht es den politischen Willen und entschlossene Umsetzung. Politischer Wille ist an vielen Stellen bereits zu hören. Nur passiert gemessen an der Anzahl an Worten im Moment noch nicht viel.

Pfister und Grigull machten deutlich, dass erprobte  Open-Source-basierte Lösungen heute produktiv in Industrie, Verwaltung und Finanzsektor eingesetzt werden – etwa bei der Orchestrierung von Cloud-Umgebungen, beim Betrieb sicherheitskritischer Anwendungen oder in der Entwicklung von KI- und Edge-Technologien.

Open Source stärkt Handlungsfähigkeit

Die Diskussion zeigte auch, dass Open Source weit über Fragen von Software hinausreicht. Es geht um die Fähigkeit, Systeme selbst zu betreiben, Datenportabilität zu sichern und technologische Standards selbst mitzugestalten.

Eine Möglichkeit, die unter den Entscheider:innen beim Berlin Circle Anklang zu finden schien: Verwaltungen könnten Open-Source-Komponenten in Ausschreibungen gezielt bevorzugen und offene Standards verbindlich festschreiben. So ließe sich die Abhängigkeit von einzelnen Herstellern verringern und die Interoperabilität staatlicher Systeme erhöhen.

Christina Schmidt-Holtmann, Referatsleiterin Digitale Wirtschaft und digitale Souveränität, BMDS

Auch wirtschaftlich lohnt sich der Umstieg. Offene Systeme ermöglichen flexiblere Preisstrukturen und reduzieren langfristig Kosten. Viele Unternehmen reagieren bereits auf steigende Lizenzgebühren proprietärer Anbieter und prüfen europäische Alternativen – insbesondere dort, wo sensible Daten verarbeitet werden.

Drei Hebel für mehr digitale Souveränität

1.  „Open by Default“ in der Beschaffung: Öffentliche und private Auftraggeber sollten offene Standards, nachvollziehbaren Quellcode und Interoperabilität als Grundvoraussetzung definieren.

2.  Souveräne Cloud-Infrastrukturen aufbauen: Daten mit hohem Schutzbedarf sollten auf vertrauenswürdigen europäischen Plattformen betrieben werden, die Multi-Cloud- und Exit-Szenarien ermöglichen.

3.  Nachhaltige Skalierung sichern: Neben Förderprogrammen braucht es vor allem langfristige Aufträge und Nutzungsverpflichtungen, damit sich Open-Source-Projekte wirtschaftlich verstetigen können.

Verwaltung in Bewegung

Beispiele aus Deutschland zeigen, dass der Wandel machbar ist. Schleswig-Holstein hat als erstes Bundesland den Umstieg seiner Verwaltung auf Open-Source-Arbeitsplätze eingeleitet – ein komplexer Prozess, aber ein wichtiges Signal. Auch in der Bundesverwaltung wächst die Einsicht, dass digitale Unabhängigkeit nur mit offenen Technologien erreichbar ist.

Britta Behrendt, Abteilungsleiterin Digitales und Staatsmodernisierung, Bundeskanzleramt (spricht) 

In der Bundesregierung wird derzeit eine pragmatische Herangehensweise gefordert: weniger neue Strategiepapiere, mehr konkrete Umsetzung. Entscheidend sei, dass digitale Lösungen den Arbeitsalltag tatsächlich erleichtern – dann wachse auch die Akzeptanz bei Beschäftigten und Nutzer:innen.

Der deutsch-französische Schulterschluss

Nicht nur die Pariser und Berliner Politik, auch europäische Technologieanbieter sehen in einer stärkeren deutsch-französischen Kooperation eine Chance für ein starkes digitales Ökosystem für ganz Europa. Pfister und Grigull warben dafür, Beschaffung und Regulierung im Sinne einer nachhaltigen Stärkung der europäischen Tech-Branche so zu gestalten, dass offene europäische Lösungen bevorzugt werden.
Die Unternehmen der beiden – SUSE und OVHcloud – stehen exemplarisch für die Idee einer souveränen, innovationsstarken Digitalwirtschaft, die auf Offenheit statt Abhängigkeit setzt. Sie betonen, dass Europa mit Open-Source-Ansätzen und nachhaltigen Cloud-Modellen längst die technologischen Grundlagen besitzt – was fehlt, ist vor allem die politische Konsequenz, sie großflächig einzusetzen.

Europas digitale Zukunft braucht Offenheit

Aus der Runde beim Berlin Circle ging der Tenor hervor: Der Weg zu mehr digitaler Souveränität führt über Offenheit. Open Source steht dabei für weit mehr als Kostenvorteile – es ist ein strategisches Prinzip, das Sicherheit, Innovation und Selbstbestimmung verbindet. Wenn Verwaltung und Wirtschaft ihre Systeme künftig auf offenen, europäischen Infrastrukturen aufbauen, kann Europa seine technologische Zukunft wieder selbst gestalten – resilient, transparent und unabhängig.

Über den Berlin Circle:

Der Tagesspiegel Berlin Circle bringt führende Köpfe aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft im Deutschen Bundestag zusammen, um über strategische Zukunftsfragen zu diskutieren. Diese Ausgabe entstand in Partnerschaft mit SUSE und OVHcloud und stand unter der Schirmherrschaft von Roland Theis MdB.


Verfasst von Matthias Schweiger und Marvin-Berfo Günyel, Tagesspiegel.

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