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OPEN SOURCE-MANAGER ZUM DIGITAL-GIPFEL

Ein digitaler Airbus-Moment ist in greifbarer Nähe

Ganz Europa schaut auf Berlin, zum ersten Europäischen Gipfel zur digitalen Souveränität. Holger Pfister von SUSE war dabei und zieht im Interview Bilanz, dazu was der Gipfel konkret gebracht hat, wie es um Europas Chancen steht und welche Schritte nun zügig folgen sollten, um u.a. mit deutlich mehr Open Source digitale Souveränität zu erreichen.  

Herr Pfister, „digitale Souveränität“ ist für viele ein abstrakter Begriff.
Was bedeutet für Sie digitale Souveränität und sind wir mit dem Gipfel damit vorangekommen? 
Digitale Souveränität bedeutet Unabhängigkeit. Unabhängigkeit bedeutet dabei aber nicht Autarkie (im Sinne von “alles selber machen”), sondern Wahlfreiheit (im Sinne von “Die Möglichkeit haben, andere Lösungen zu nutzen, wenn ich möchte.”) Dass die Vorgaben der DSGVO und andere gesetzliche Vorgaben eingehalten werden, hat nichts mit digitaler Souveränität zu tun, sondern mit Gesetzestreue.

Der Gipfel hat ein wichtiges Signal gesendet: Europa will, kann und muss unabhängiger von außereuropäischen Anbietern werden, die aktuell über 90% der IT bereitstellen. Im Bereich der Cloud und der Softwareinfrastruktur verfügt Europa über die notwendigen Alternativen. Hier können wir eine Erfolgsgeschichte schreiben wie bei Airbus in der Luftfahrt.

Google hat kurz vor dem Gipfel Investitionen von 5,5 Milliarden Euro in Deutschland angekündigt. Lars Klingbeil nannte diese „genau das, was wir jetzt brauchen“. Kann die europäische Tech-Branche mit solchen Summen mithalten oder sind wir bei der Weiterentwicklung unserer digitalen Infrastruktur von internationalen Konzernen abhängig?

Aus Sicht der Konjunktur sind solche Investitionen immer gut. Im Sinne der digitalen Souveränität sind solche Investitionen dann gut für Deutschland und Europa, wenn die Anforderungen, die ich eben formuliert habe, auch beachtet werden – vor allem was die Kontrolle über Daten und Infrastrukturen anbelangt. Und dann freue ich mich immer, wenn möglichst viel Wertschöpfung in Deutschland verbleibt.  

Wir erleben derzeit einen ziemlichen Wandel: Die geopolitischen Veränderungen machen digitale Souveränität so wichtig wie nie. Deutsche und europäische Unternehmen haben das verstanden.

Ob Europa mithalten kann, entscheidet sich nicht am Beton, der verbaut wird - sondern an den Angeboten, die die IT-Industrie macht. Letztlich entscheidet der Kunde. Und der entscheidet sich für das beste Angebot - wobei das Thema der Wechselfähigkeit zunehmend an Bedeutung gewinnt.

Sie sind für SUSE regelmäßig mit der Politik im Austausch. Nehmen Sie ein gestiegenes Interesse an Open Source-Lösungen wahr – oder bleibt es oft bei politischen Willensbekunden?

Ehrlich gesagt hätte ich mir vor zwei Jahren nicht vorstellen können, dass so ein Gipfel mit dem deutschen Bundeskanzler und dem französischen Staatspräsidenten stattfindet. Frankreich, Deutschland und Europa setzen auf Open Source als Kernkomponente und wollen auch über Beschaffungspolitik Europa stärken. Konkrete Fördermaßnahmen, die marktreife Technologien unterstützen, sind verabschiedet worden.

Das neu geschaffene Digitalministerium macht vieles richtig – trotz der Mammutaufgabe, das Haus quasi aus dem Nichts aufbauen zu müssen. Das Interesse an Open Source ist groß, und im Dialog wird häufig die Frage nach Sicherheit und Skalierungsmöglichkeiten der Open Source-Angebote gestellt. Oft sind meine Gesprächspartner überrascht, wenn sie hören, in welchen KRITIS-Bereichen Open Source seit Jahren eingesetzt wird und welche Sicherheitszertifikate wir für unsere Software erhalten haben.

Holger Pfister im Austausch mit der Politik – hier mit MdB Henri Schmidt, beim Tagesspiegel Berlin Circle. 

Zum Gipfel hat ein Bündnis aus Industrie, der Open-Source-Community und der Zivilgesellschaft einen Aktionsplan an die politischen Entscheider:innen gerichtet. Im Vorwort heißt es: „Europa kann Unabhängigkeit nicht einfach einkaufen, sondern muss sie entwickeln.“ Was bedeutet dieser Satz konkret für Sie?

Mit Open Source lässt sich Unabhängigkeit und Wechselfähigkeit erreichen. Dazu braucht es aber ein Verständnis von Open Source, sonst kann man auch mit Open Source in Abhängigkeiten geraten - die ich bei proprietärer Software immer habe. Genau deshalb spielen Institutionen wie das ZenDiS eine so wichtige Rolle in diesem Zusammenhang. 

Über SUSE

SUSE ist ein weltweit führender Anbieter innovativer und zuverlässiger Open Source-Lösungen, darunter SUSE Linux Suite, SUSE Rancher Suite, SUSE Edge Suite und SUSE AI Suite. Kunden vertrauen auf SUSE für den Betrieb ihrer kritischen Workloads, flexibel, innovativ und souverän - vom Rechenzentrum über die Cloud bis hin zum Edge und darüber hinaus. SUSE arbeitet mit Partnern und Entwickler-Communities.

Seit Jahren diskutiert das politische Berlin über zu hohe Abhängigkeit von einigen wenigen Anbietern. Eine Reduktion der Abhängigkeiten ist gerade nicht im Blick. Frustriert sie das manchmal? 

Das spornt mich eher an. Wenn viel bei einem Anbieter beschafft wird, dann spricht das erst einmal dafür, dass der Anbieter gute Produkte liefert. Was ich mir wünschen würde, ist mehr Risikomanagement. Wie können wir die Abhängigkeit verringern und wechselfähiger werden. Hier müssen Deutschland und Europa über strategische Beschaffung Anreize setzen.

Und ich teile Ihre Einschätzung auch nicht ganz: Mit Schleswig-Holstein setzt das erste Bundesland eine Open Source-Strategie für die eigene Verwaltung konsequent um. Andere werden folgen. 

Und auf der Seite der Industrie gehen wir strategische Partnerschaften ein: Als SUSE zeigen wir mit Partnern wie IONOS, OVHcloud, Nextcloud und Open XChange, dass sichere und leistungsfähige Alternativen existieren und Teil einer skalierbaren, nachhaltigen Digitalstrategie sein können. Wir können das, was politisch und regulatorisch festgelegt wird, industriell umsetzen.

Blick auf den Stand beim Digital-Gipfel, an dem SUSE beteiligt war

Wie stehen Sie zur in Diskussion befindlichen  “Buy European”-Regeln bei EU-Vergaben? 

Das ist schon länger unsere Forderung. Eine konsistente und langfristig planbare europäische Beschaffungspolitik, die besagt: Software, IT-Services und Infrastrukturen werden prioritär bei europäischen Anbietern eingekauft. Hier waren Kanzler Merz und Präsident Macron auf dem Gipfel sehr deutlich. Wobei ein simples “Buy European" das Problem der Abhängigkeit nicht verbessern wird. Schlimmstenfalls führt es sogar dazu, dass die europäische Industrie als Ganzes ins Hintertreffen gerät.  

Welche weiteren konkreten politischen Schritte stehen bei Ihnen ganz oben auf der Agenda? Hatten diese genügend Raum beim Gipfel und braucht es eine Verstetigung solcher Formate?

Das passiert. Die EU-Kommission hat den konkreten Vorschlag gemacht, über das EDIC-Konsortium einen Rahmen für eine europäische digitale Infrastruktur zu schaffen. Daran will SUSE sich beteiligen. Das Bundesdigitalministerium und die EU-Kommission wollen auch abgesehen davon den Dialog mit der Wirtschaft verstärken. Das Momentum ist da – jetzt gilt es, entschlossen zu handeln und eine souveräne, innovative digitale Zukunft in Europa zu gestalten. Ich freue mich darauf, diesen Weg weiter aktiv mitzugestalten und auf den Gipfel im Jahr 2026. 

Über den Berlin Circle
Der Tagesspiegel Berlin Circle bringt führende Köpfe aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft im Deutschen Bundestag zusammen, um über strategische Zukunftsfragen zu diskutieren. Dieses Interview entstand wenige Tage nach einem parlamentarischen Frühstück des Tagesspiegels in Partnerschaft mit SUSE und OVHcloud, beim dem der Europäische Gipfel zur Digitalen Souveränität vorbesprochen wurde.  

Das Interview führte Marvin-Berfo Günyel, Tagesspiegel. 

Teaser-Foto: Bundesregierung/Jesco Denzel 

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