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TAGESSPIEGEL AI EVENING TALK

KI für gesellschaftlichen Impact

(Open Source-)KI als Möglichmacher für staatliches Handeln und Wohlstand

Berlin. Stühle müssen eilig hereingetragen werden – das Tagesspiegel-Haus ist an diesem Montagabend Mitte November 2025 voller als erwartet. Der große Zuspruch zeigt: Open Source ist im KI-Kosmos längst im Zentrum der Fachdebatte angekommen.

Die zahlreichen Gespräche machten deutlich, welche Erwartungen mit offenen Modellen verbunden sind – und dass zugleich viele Fragen offen bleiben: Wie gelingt digitale Souveränität? Wie kann KI entschlossen und vertrauenswürdig eingesetzt werden?

Tagesspiegel Background-Journalistin Alexandra Ketterer führte Christiane Germann, Amtfluencerin, amtzweinull, Henri Schmidt MdB, Mitglied im Ausschuss für Digitales und Staatsmodernisierung, CDU/CSU und Harmen Zell, Public Policy Manager, Meta durch eine Diskussion, die sowohl kritische Punkte als auch die großen Chancen von KI offen adressierte.



v. l.: MdB Henri Schmidt, der betonte, dass der KI-Wettlauf noch lange nicht entschieden sei; Harmen Zell (Meta), der für einen agileren und praxisnäheren AI Act plädierte.

KI als Möglichmacher und Verbesserer staatlichen Handelns
„KI ist etwas Gutes, um überhaupt handlungsfähig zu bleiben als Staat“, brachte Henri Schmidt MdB in aller Klarheit auf den Punkt. Die Botschaft: Die Bundesrepublik muss KI offensiv nutzen, um effizienter zu werden.

Harmen Zell (Meta) betonte darüber hinaus die gesellschaftliche Dimension: KI könne nicht nur helfen, heutige Standards öffentlicher Dienstleistungen aufrechtzuerhalten, sondern sie sogar zu verbessern – trotz Fachkräftemangel und steigender Anforderungen. Beispiele wie automatisierte Genehmigungsprozesse im Bauwesen oder KI-Unterstützung bei medizinischen Befunden zeigen das Potenzial.

Zell verwies zudem auf die wirtschaftliche Dimension: „Vom Erhalt staatlicher Handlungsfähigkeit hängt der Wohlstand des Landes ab.“ Voll integrierte KI-Use-Cases würden die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft erheblich steigern.

Gleichzeitig bringt KI Verwaltung und Bürger:innen näher zusammen. Behörden-Chatbots verringern Wartezeiten, KI-gestützte Übersetzungen verbessern die Zugänglichkeit staatlicher Websites – ein Thema, bei dem Christiane Germann einräumte: „Früher hieß es oft: Dafür haben wir keine Zeit. KI nimmt uns das jetzt ab.“
Das könne das Vertrauen in staatliches Handeln und demokratische Institutionen stärken.

„Das KI-Rennen ist noch nicht verloren“ – aber es braucht entschlossene Reformen
Der Bundestagsabgeordnete Schmidt warnte vor deutschem Pessimismus, bei KI hinter dem Rest der Welt zu hängen: „Dieses KI-Rennen, das haben wir nicht verloren“. In Deutschlands starken Wirtschaftszweigen, wie dem Maschinenbau, könne die Wertschöpfung aus der tiefgehenden Einbindung von KI in Produktion mitgenommen werden.

Potential, dass die deutsche und auch die europäische Wirtschaft insgesamt hier ausgebremst werden könnte, beschrieb Harmen Zell von Meta. „Niemand sollte ein AI Act Experte sein müssen, um AI-Systeme in seinem Unternehmen oder in einer Behörde oder auch im Privatumfeld nutzen zu können“, der AI-Act aber sei eine solch unklare Regulierung, dass hier zum einen die Umsetzungsfristen aufgeschoben und zum anderen aber auch noch einmal mit einem klaren Kopf an eine Vereinfachung herangegangen werden müsse.

Schmidt MdB stimmte Zell grundlegend zu und begründete dies unter anderem damit, dass die Regulierung noch in Teilen auf eine Zeit vor modernen Large Language Models, wie Metas Llama, ausgelegt ist.
 

Volles Haus beim AI Evening Talk

KI in die Breite wirtschaftlicher Wertschöpfung und alternder Verwaltung
Bei den Fragen danach wie KI in die Breite und Tiefe der wirtschaftlichen Wertschöpfung jeder Branche und den Staat Einzug halten kann, ist auch die Frage wichtig, über welche KI gesprochen wird.

Es gibt hier auf der einen Seite geschlossene Modelle, die in der Regel auf der Server-Infrastruktur von spezifischen Anbietern laufen und in der Nutzung im großen Stil, z.B. durch eine Behörde, Geld kosten. Auf der anderen Seite gibt es Open Source Modelle, wie Metas Llama, die kostenlos verwendbar sind und eine höhere Souveränität sicherstellen.

Danylo Tsvok, Chief AI Officer der Ukraine, wurde zugeschaltet und riet Deutschland klar, auf Open Source zu setzen. Für sein Land sei das ein wesentlicher Pfeiler digitaler Souveränität und Sicherheit. Auch Schmidt MdB sieht hier große Chancen für Deutschland: Open Source schaffe Vertrauen in Datenschutz und verhindere technische Abhängigkeiten.

Zell ergänzte: Offene Modelle - wie Metas Llama - können vollkommen unabhängig auf einem lokalen Server betrieben werden. Das schafft Freiraum in sensiblen Bereichen wie Verwaltung oder kritischer Infrastruktur.

Germann betonte zugleich: „Die meisten Behörden fühlen sich dem Datenschutz verpflichtet.“ KI könne hier verantwortungsvoll und mit Augenmaß integriert werden.

Was das LLaMA-Modell auszeichnet

Das Large Language Model LLaMA (Large Language Model Meta AI) ist frei verfügbar und ermöglicht KI-Anwendungen lokal zu betreiben. Es bietet so ein hohes Maß an digitaler Souveränität. Als Open-Source-Modell leistet LLaMA einen zentralen Beitrag zur Demokratisierung von KI.

Ukraine nutzt KI für Europäische Bürokratie
Tsvok beschrieb das ambitionierte Ziel seines Landes: „Die Ukraine will eine der Top-3-KI-Nationen werden“. Durch eine hochdigitalisierte Verwaltung könne agentische KI bald breitflächig als Dienstleister für Bürger:innen dienen.

Danylo Tsvok, Chief AI Officer der Ukraine im Interview mit Tagesspiegel Background-Journalistin Alexandra Ketterer

Wie pragmatisch der Staat bereits arbeitet, zeigt ein unerwartet alltäglicher, aber wirksamer Use-Case: Die Ukraine nutzt Metas Llama, um umfangreiche EU-Gesetzestexte automatisiert mit nationalen Vorschriften abzugleichen – ein zentraler Schritt auf dem Weg zur Erfüllung der EU-Beitrittskriterien.

Als Tsvok diesen Einsatzzweck vorstellte, ging ein merkliches Schmunzeln durch den Raum: Ausgerechnet europäische Regulierung als wichtigster KI-Use-Case – eine Pointe, die niemand überhört hat.

Dr. Isabella Wiest bringt Open Source-KI in das deutsche Gesundheitssystem

Den zweiten Impuls setzte Dr. Isabella Wiest, Team Lead LLMs in Medicine an der TU Dresden. Sie zeigte, wie KI klinische Dokumentation entlasten und gleichzeitig medizinische Erkenntnisse generieren kann. Mitschriften von Ärzt:innen werden anonymisiert, zusammengefasst und von ihrem auf Llama basierenden KI-Tool LLMAIx analysiert – etwa um Komplikationsraten oder Therapieentscheidungen besser zu verstehen. Ein erheblicher Mehrwert für das gesamte Gesundheitssystem.

Fazit
Der Abend im Tagesspiegel-Studio machte deutlich:
Deutschland verfügt über Expertise, Willen und konkrete Anwendungsfälle, um KI verantwortungsvoll und wirkungsvoll einzusetzen. Digitale Souveränität, Transparenz und das Vertrauen der Bevölkerung sind dabei zentrale Bausteine. Mit Open-Source-KI, internationaler Zusammenarbeit und pragmatischer Regulierung kann Deutschland nicht nur aufholen – sondern aktiv gestalten, wie staatliches Handeln und wirtschaftliche Stärke im KI-Zeitalter aussehen.

Fotos: Henriette Becht

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