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Anspruch trifft Realität

Wie Kreislaufwirtschaft in Krisenzeiten gelingt

Dr. Oliver Wolfrum, Sybille Mai und Jens Nießmann (v.l.n.r.)

Rohstoffabhängigkeit, Probleme bei Lieferketten und wachsende Klimarisiken stellen Deutschland vor eine Kernfrage: Wie wird Kreislaufwirtschaft vom guten Vorsatz zur tragfähigen Praxis? Ohne zirkuläres Design, funktionierende Sammelsysteme und verlässliche Politik bleiben Strategien nur Stückwerke. Beim Panel „Anspruch und Realität: wie Kreislaufwirtschaft auch in Krisenzeiten gelingen kann“ im Tagesspiegel-Haus zur Future Sustainability Week 2025 zeigten die Expert:innen auf der Bühne Wege auf, wie die Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit weiter geschlossen werden kann: Mit ebenso klaren wie realistischen Anforderungen, konkreten Beispielen und der zentralen Botschaft, dass Kreislaufwirtschaft ökologischer Imperativ und industriepolitische Chance zugleich ist.

Dr. Oliver Wolfrum (Verband der Wellpappen-Industrie)

Zum Auftakt zeigte Dr. Oliver Wolfrum (Geschäftsführer des Verbandes der Wellpappen-Industrie), wie es funktionieren kann. Die deutsche Wellpappenindustrie ist bereits ein wegweisendes Beispiel für die Kreislaufwirtschaft: 95,3 Prozent der gebrauchten Wellpappe kehren in den Stoffkreislauf zurück und die in Wellpappe enthaltenen Papierfasern können mehr als 20-mal recycelt werden. Der Erfolg speist sich aus immer weiter optimiertem Verpackungsdesign, flächendeckender Sammlung und Technologien, die Recycling möglich machen. Wolfrums Kernpunkt: Kreislauf als Kerngedanke bedeute, den gesamten Lebenszyklus eines Produktes mitzudenken. Unternehmer:innen benötigen dabei allerdings politischen Rückhalt ohne übermäßige Regulierung, um ihre Innovationskraft zu erhalten und weiterhin ihren Beitrag zum gemeinsamen Ziel leisten zu können. Die Wellpappenbranche beweise auch in Krisenzeiten ihre Resilienz, weil sie die Herstellung von Wellpappe kontinuierlich materialeffizienter gestalte und dank ihrer hohen Anpassungsfähigkeit schon heute dazu beitrage, unnötigen Leerraum in Verpackungen zu vermeiden und regulatorische Vorgaben zu erfüllen.

Produktdesign als Hebel

Im Panel betonte die Bauingenieurin Sibylle Mai (Leading Consultant bei EPEA - Part of Drees & Sommer), dass Kreislaufwirtschaft weit vor der Tonne beginnt. Zirkularität entstehe im Entwurfsstadium eines Produkts in der Baubranche mit modularen, demontierbaren und schadstoffarmen Bauweisen sowie der gezielten Nutzung von Sekundärrohstoffen. CO2-Einsparungen wären dabei ein wichtiger Effekt. Für Unternehmen stehe jedoch vor allem die verlässliche Versorgung mit Rohstoffen im Mittelpunkt. Sie sei der zentrale wirtschaftliche Grund für Kreislaufwirtschaft.

Öffentliche Beschaffung sei laut Mai ein Hebel, um mit klaren zirkulären Kriterien Innovation zu skalieren. Im Bau brauche es zusätzlich einen Bewertungswechsel. Gebäude sollten nicht nur nach Lage und Mieterträgen, sondern auch nach Materialwert und Rückbaupotenzial bemessen werden. Ressourcenpässe könnten die Brücke in die Finanzwirtschaft schlagen und Zirkularität bankfähig machen.

Spielregeln für den Markt

Auch am Beispiel Kunststoff wurde aufgezeigt, wie anspruchsvoll Kreisläufe werden, wenn Technik und Markt gegeneinander arbeiten. Jens Nießmann (Geschäftsführer bei der Reclay Group) beschrieb, wie durch unterschiedliche Polymerarten, Additive und Farben, sortenreine Ströme und hochwertige Rezyklate erschweren würden. Neuware aus fossilen Quellen bleibe oft homogener und günstiger.

Die Lösung könne nur über klare, europaweit harmonisierte Regeln entstehen. Die EU-Verpackungsverordnung setze Signale, etwa durch Mindest-Rezyklatquoten und Vorgaben zur Recyclingfähigkeit. So entstehe eine echte und verlässliche Nachfrage nach Rezyklaten. Entscheidend sei bei der Regulierung die praktikable Ausgestaltung. Für Nießmann würden unklare Berichtspflichten Investitionen bremsen, während stabile Rahmenbedingungen mechanisches und chemisches Recycling skalieren.

To-dos für die Umsetzung

Das Fazit des Panels war ein Arbeitsauftrag. Kreislaufwirtschaft gelingt, wenn Politik harmonisiert und handhabbar reguliert, die öffentliche Hand zirkulär beschafft und Unternehmen vom „Wie viel müssen wir?“ ins „Wie viel können wir?“ wechseln. Wellpappe zeigt, dass hohe Recyclingquoten, ein funktionierender Stoffkreislauf und wirtschaftliche Stabilität zusammengehen können. In komplexeren Bereichen wie Kunststoffen und Verbundmaterialien weisen zirkuläres Design, klare Qualitätsvorgaben und verlässliche Investitionsbedingungen den Weg. Anspruch und Realität rücken näher zusammen, vorausgesetzt, Kreislauf wird als Leitgedanke verstanden, der den gesamten Lebenszyklus eines Produktes mitdenkt. Erfolgreiche und etablierte Systeme, wie das Beispiel Wellpappe zeigt, gilt es dabei zu schützen. Wer heute in Kreislaufwirtschaft investiert, investiert in Versorgungssicherheit, Wettbewerbsfähigkeit und Klimaschutz. Genau das macht sie zum wegweisenden Wirtschaftsmodell der nächsten industriellen Dekade.

 

Fotos © by Marie Staggat

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