Deutschland sucht Antworten auf einige der zentralen Herausforderungen unserer Zeit: Rohstoffabhängigkeiten, schwankende Energiepreise und der Druck auf globale Lieferketten treffen auf stetig steigende Klimarisiken. Warum nachhaltige Wertschöpfung die Antwort auf die Krise ist und das – zu Unrecht – wenig wahrgenommene Material Wellpappe ein Vorbild für die Transformation sein kann, erklärt Dr. Oliver Wolfrum, Geschäftsführer des Verbandes der Wellpappen-Industrie e.V..
Dr. Oliver Wolfrum beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Verpackungsfragen und Kreislaufwirtschaft. Als Geschäftsführer beim Verband der Wellpappen-Industrie e.V. setzt er sich konsequent für den Austausch zwischen unterschiedlichen Akteuren aus Wirtschaft, Politik und Gesellschaft ein, um Fortschritte auf dem Weg zu mehr Nachhaltigkeit in der Verpackungsindustrie zu erzielen.
Der Verband der Wellpappen-Industrie e. V. (VDW) vertritt als Sprachrohr der Wellpappenindustrie die Interessen von derzeit 29 Mitgliedsunternehmen mit rund 100 Werken und über 18.000 Beschäftigten in ganz Deutschland. Damit repräsentiert der Verband über 80 Prozent der deutschen Wellpappenproduktion.
2024 setzten die im VDW organisierten Unternehmen 7.414 Millionen Quadratmeter Wellpappe ab. Die Recyclingquote des Materials liegt hierzulande bei 95,3 Prozent. Über zwei Drittel aller Waren in Deutschland werden in Verpackungen aus Wellpappe transportiert. Im E-Commerce liegt der Anteil der Wellpappenverpackungen bei 90 Prozent.
Herr Dr. Wolfrum, wir befinden uns in Deutschland mitten in der nachhaltigen Transformation. Die Ziele sind hochgesteckt und ebenso sind es die Anforderungen an Unternehmen. Gleichzeitig ringt das Land um wirtschaftliche Stabilität. Sind wir dennoch auf dem richtigen Weg?
Auch die Wellpappenindustrie wird in Krisenzeiten nicht geschont. Dennoch lautet meine Antwort: Ja, wir sind auf dem richtigen Weg. Auf den ersten Blick mag es wie ein Zielkonflikt wirken – wirtschaftlicher Druck hier, steigende Nachhaltigkeitsanforderungen dort. Aber wenn man genauer hinschaut, zeigt sich, dass nachhaltiges Wirtschaftdueen Teil der Lösung ist, um ökonomisch wieder auf die Beine zu kommen.
Es geht also nicht nur darum, Klimaschutzziele zu erreichen – was natürlich allein schon Argument genug wäre. In einer Zeit, in der Energiepreise schwanken, globale Lieferketten unter Druck stehen und Rohstoffe knapp und teuer werden, brauchen Unternehmen Modelle, die Ressourcen schonen, Abhängigkeiten reduzieren und Kosten stabilisieren. Genau das leisten unter anderem funktionierende Ressourcenkreisläufe. Sie sorgen für mehr Resilienz, Effizienz und Planungssicherheit – alles Faktoren, die gerade jetzt entscheidend sind.
Mit der Nationalen Kreislaufwirtschaftsstrategie (NKWS) hat die damalige Bundesregierung 2024 ein neues Signal für ressourcenschonende Geschäftsmodelle gesetzt, an das auch die jetzige Bundesregierung anknüpft. Wie bewertet Ihre Branche diesen politischen Kurs?
Als Verband unterstützen wir es, dass die Bundesregierung sich klar zum Ziel der Kreislaufwirtschaft bekennt. Die NKWS verfolgt grundsätzlich die richtige Richtung, ist aber in Teilen unausgewogen. Um Onlinehandel nachhaltiger zu gestalten, ist es beispielsweise nicht zielführend, Mehrweg einseitig zu unterstützen. Denn das hieße, dass das Potenzial anderer vorbildlicher Kreislaufprodukte komplett ungenutzt bliebe – und es ließe entscheidende Faktoren wie die jeweiligen Schutzanforderungen oder auch anfallende Transportwege außer Acht.
Die Wellpappenindustrie lebt mit eingespielten Kreislaufprozessen und ihrer hohen Recyclingquote längst vor, wie resilientes und ressourcenschonendes Wirtschaften funktionieren kann. Das Aktionsprogramm zur Umsetzung der NKWS sollte daher bewährte Verpackungslösungen wie Wellpappe, die zugleich absolut zukunftsfähig sind, nicht benachteiligen.
Das klingt, als sei die Wellpappenindustrie aber trotz allem gut aufgestellt – resilient, nachhaltig und bereit, als Pionier voranzugehen.
Gut aufgestellt – ja und nein. Denn auch erfolgreiche Modelle benötigen politischen Rückhalt. Die vergangenen Jahre waren auch für uns als Wellpappenindustrie geprägt von konjunkturellen Schwankungen, steigenden Energiepreisen, globalen Unsicherheiten und immer mehr Bürokratie. Besonders für die überwiegend mittelständischen Unternehmen im VDW sind dies erhebliche Belastungen, die die Spielräume für Investitionen und Innovationen deutlich einschränken.*
Trotz Krise und manchmal politisch unklarer Linie: Warum funktioniert der Stoffkreislauf „Wellpappe” dennoch so gut?
Die deutsche Wellpappenindustrie ist schon heute ein wegweisendes Beispiel für funktionierende Kreislaufwirtschaft: 95,3 Prozent der gebrauchten Wellpappe kehren in den Stoffkreislauf zurück und die in Wellpappe enthaltenen Papierfasern können mehr als 20-mal recycelt werden. Möglich wird das durch nachhaltige Rohstoffe, recyclingfreundliches Design, flächendeckende Sammlung und Technologien, die den Recyclingprozess effizient machen – ein ganzheitlicher Ansatz, der den gesamten Lebenszyklus berücksichtigt.
Außerdem haben wir mit der Flexibilität von Wellpappe noch einen weiteren entscheidenden Vorteil. Das Material ist in hohem Maße anpassungsfähig. Die neue Verpackungsverordnung der EU (PPWR) zielt unter anderem darauf ab, den Leerraum in Verpackungen zu reduzieren. Das ist für uns kein Problem. Wellpappe lässt sich quasi maßschneidern: ob Größe, Form, Tragfähigkeit oder Schutzfunktion. Damit schaffen wir Platz in den Lieferketten. Nicht umsonst sind wir die Transportverpackung Nr. 1 in Deutschland: Über zwei Drittel aller Waren sind in Wellpappe unterwegs.
Das Kreislaufprodukt Wellpappe kennen die meisten Verbraucher vor allem aus dem Onlinehandel. Doch was passiert eigentlich danach? Wie wird aus einer gebrauchten Verpackung letztlich eine neue?
Es klingt vielleicht banal, aber der erste Schritt ist, dass Wellpappe von uns allen richtig entsorgt wird – gerade auch privat. Das Altmaterial sollte flachgelegt und platzsparend in der Altpapiertonne landen. Das erleichtert die Sammlung und den Transport, weil so die vorhandenen Kapazitäten der Tonnen optimal genutzt werden. Hochmoderne Technologien sorgen dann später dafür, dass Verpackung wieder zu einem für uns unverzichtbaren Vorstufenprodukt werden kann – dem Wellpappenrohpapier. Aus diesem Rohpapier entsteht Wellpappe: mehrere miteinander verleimte Papierbahnen, von denen mindestens eine wellenförmig ist. Sie ist Namensgeberin des Materials und das Herzstück der Konstruktion, das für die besondere Stabilität sorgt. Somit entsteht die Grundlage für die nächste Verpackung.
Was sollte die Politik tun, um Erfolgsmodelle wie dieses zu stärken?
Erst einmal wäre es wichtig, dass sowohl das Potenzial als auch die Kompetenz hinter bereits erfolgreichen Systemen – wie dem der Wellpappe – gesehen werden und Einzug in die Strategie der Bundesregierung halten. Es gilt anzuerkennen, dass Wellpappe schon jetzt einen gewichtigen Beitrag in Sachen Ressourcenschutz leistet. Denn wir brauchen den notwendigen politischen Zuspruch für verlässliche Rahmenbedingungen, um weiterhin in Innovation investieren zu können.
Die Branche unterstützt zielführende Regulierung zur Förderung der Kreislaufwirtschaft, aber diese dürfen sich auf keinen Fall im „Klein-Klein“ verlieren. Denn das kann sonst schnell zum Nachteil für etablierte Erfolgsmodelle werden. Stattdessen brauchen wir vor allem eines: differenzierte Ansätze, die der immer komplexeren Realität gerecht werden. Im Verpackungsbereich erfordern unterschiedliche Herausforderungen unterschiedliche Lösungen – weder Mehrwegsysteme noch Wellpappe als Kreislaufprodukt allein können alle Probleme bewältigen. Jede Verpackungsart hat ihre Berechtigung und sollte nach ihrem konkreten Einsatzzweck bewertet werden. Was wir also brauchen, ist ausreichend unternehmerischer Handlungsspielraum, um die jeweils sinnvollste Option zu wählen.
Mit Blick auf die nächsten fünf Jahre – Was wünschen Sie sich für die Zukunft Ihrer Branche, Herr Dr. Wolfrum?
Ich wünsche mir, dass die Politik unsere über Jahrzehnte gewachsenen Kompetenzen bei der anstehenden Transformation zur Kreislaufwirtschaft einbezieht. Ich wünsche mir den politischen Mut, bewährte Modelle wie unseres mit in die Zukunft zu tragen. Und ich wünsche mir, dass die richtigen Weichen gestellt werden, um verlässliche Rahmenbedingungen und das nötige Vertrauen für Investitionen zu schaffen. Nur dann kann Wellpappe genau das sein und bleiben, was wir in Deutschland so dringend brauchen: Inspiration und Beweis dafür, dass nachhaltige Innovation, Zusammenarbeit und unternehmerischer Mut zu echten Erfolgsmodellen führen.
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