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Wir müssen Lebensmittel wieder vor Ort produzieren


 

Nicolas Leschke ist Geschäftsführer von ECF Farmsystems. In Berlin-Lankwitz betreibt das Unternehmen auf dem Dach eines REWE-Marktes ab Sommer 2026 Deutschlands größte Dachfarm. Im Interview spricht Leschke über resiliente Lieferketten, Hightech-Gemüse vom Supermarktdach – und darüber, warum die Zukunft des Salats nicht auf dem Acker liegt.

Herr Leschke, auf dem Dach eines REWE-Marktes in Lankwitz wächst künftig Salat. Warum gehört der Lebensmittelanbau Ihrer Ansicht nach aufs Dach?
Wir setzen auf dezentrale Lebensmittelproduktion. Es gibt in unseren Städten unglaublich viele Dachflächen, die heute brachliegen. Wenn wir diese Flächen als Produktionsorte denken, steckt dort ein enormes Potenzial. Ein großer Teil unserer Lebensmittel ließe sich so direkt vor Ort erzeugen – und wir wären deutlich weniger abhängig von globalen Lieferketten.

Diese Abhängigkeit wurde zuletzt schmerzhaft sichtbar.
Die Corona-Pandemie hat uns sehr deutlich vor Augen geführt, wie verletzlich globale Lieferketten sind. Bei Lebensmitteln braucht es hier ein Umdenken. Wir können uns nicht allein auf den Import verlassen, sondern müssen Wege finden, ganzjährig und unabhängig von Jahreszeiten zu produzieren. Nur so erreichen wir echte Lebensmittelsicherheit.

Ihr Unternehmen setzt dabei auf Hydroponik. Was ist das Prinzip dahinter?
Der Anbau erfolgt in einem hydroponischen System – nahezu ohne Erde und weitgehend automatisiert. Die Pflanzen wachsen in sogenannten High-Density-Trays auf Tischen, die mehrmals am Tag geflutet werden. So bekommen sie optimal Nährstoffe und Sauerstoff, ohne Staunässe. Der Pflanze ist es letztlich egal, ob sie in Erde steht oder ihre Nährstoffe über eine Nährlösung erhält, die die Wurzeln direkt umspült. Für uns bedeutet das: Wir können auf Substrate verzichten, die häufig Torf enthalten und wenig nachhaltig sind.

Wie ressourcenschonend ist dieses System tatsächlich?
Sehr. In Lankwitz (Link zu Artikel 1) nutzen wir zum Beispiel Regenwasser, das auf dem Dach gesammelt und in einer großen Zisterne gespeichert wird. Grundsätzlich setzt der Anbau der Zukunft auf ressourceneffiziente Hightech-Systeme: hoher Output mit deutlich weniger Mitteleinsatz. Durch die Nutzung von Sonnenlicht, Abwärme, Regenwasser und bestehender Infrastruktur sparen wir Ressourcen – und vermeiden sogar CO₂-Emissionen.

Sie arbeiten dabei eng mit dem Lebensmitteleinzelhandel zusammen.
Ja, und das ist ein zentraler Punkt. Im REWE-Markt (Link zu https://nachhaltigkeit.rewe.de/klima/nachhaltigere-maerkte/green-farming) in der Malteser Straße wird es so sein, dass der Lkw Ware anliefert und auf dem Rückweg unsere Pflücksalate vom Dach mitnimmt. Das reduziert Leerfahrten und senkt den CO₂-Ausstoß. REWE ist bei der lokalen Lebensmittelproduktion ein echter Vorreiter. Ich hoffe sehr, dass auch andere Händler den Mut entwickeln, so zu denken – etwa mit Dachfarmen auf Supermärkten oder Logistikzentren.

Was wächst konkret auf dem Dach in Lankwitz?
Wir bauen dort sogenannte „Teen-Leaf“-Pflücksalate an, eine Mischung, die nur knapp einen Monat bis zur Ernte braucht. Grundsätzlich eignen sich aber auch Kräuter sowie Kulturen wie Tomaten, Gurken, Paprika oder Auberginen für den hydroponischen Anbau.

Kritiker sagen: Gemüseanbau gehört aufs Feld, nicht in Hightech-Anlagen.
Machen wir uns nichts vor: Salat, Kräuter oder Tomaten wachsen heute kaum noch auf dem freien Feld. Wetterbedingt wäre das in Europa vielfach gar nicht möglich. Der Anbau ist hoch spezialisiert und findet meist in großen Gewächshäusern statt – oft dort, wo Abwärme verfügbar ist, etwa neben Stahlwerken. Und selbst beim Freilandanbau ist die CO₂-Bilanz durch Maschinen und Transport alles andere als neutral.

Was treibt Sie persönlich an?
Ich bin mein Leben lang Unternehmer und mag gute Lebensmittel. Vor Jahren bin ich auf Aquaponik und später auf Hydroponik gestoßen. Wir haben viel ausprobiert – und freuen uns heute, Deutschlands größte Dachfarm (Link zu Artikel 1) zu betreiben. Unser Hauptanliegen ist es, Lebensmittel anzubauen, die den Geschmack und die Vorlieben unserer Kunden widerspiegeln.

Und wirtschaftlich?
Nachhaltigkeit funktioniert nur, wenn alle Prozesse radikal hinterfragt werden. Die Verbesserungen müssen messbar sein, die Produktion rentabel – und die Preise für Verbraucher so niedrig wie möglich. Lokale Produktion (Link zu Artikel 3) verschafft uns Unabhängigkeit, sorgt ganzjährig für frische, gesunde Produkte und extrem kurze Wege. Das ist gut für das Klima – und für die Menschen.

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