zum Hauptinhalt
ANZEIGE
Zu wenig Kapital, zu wenig Frauen:

Wo Deutschlands Start-ups ausgebremst werden

Gründen ist das eine, Unternehmensaufbau das andere: Über Skalierung als große Herausforderung diskutierten (v. l. n. r.) Alexandra Ketterer (Tagesspiegel), Prof. Matthias Notz (Start2Group), Julia Neuen (Peaches), Vanessa Schmoranzer (Neostability) und Tim Huse (Charité). ©Lena Ganssmann / Tagesspiegel

Warum Scale-ups scheitern, es an Kapital fehlt und es mehr weibliche Gründer braucht – die wichtigsten Erkenntnisse aus dem Tagesspiegel-Fachforum in Berlin.

Lasst uns über Start-ups reden – in Berlin-Kreuzberg ist das immer eine gute Idee. Und entsprechend fand dort, genauer: im Verlagsgebäude des Tagesspiegels, ein Fachforum statt, das die Start-up-Förderung in den Blick nahm. Partner der Veranstaltung waren die Techniker Krankenkasse (TK) sowie der Start-up-Verband als Netzwerkpartner. Bereits zum dritten Mal hatten der Tagesspiegel und die TK sich zusammengetan, um Brücken zwischen Start-up-Szene, Politik und Medien zu schlagen. Mit dabei: Gründerinnen und Bundestagsabgeordnete, Verbände und Branchenkenner – und ein Fachpublikum aus rund einhundert Köpfen aus Politik und Gründerszene. Was wurde diskutiert – und was sind die wichtigsten Insights?

Key Take-Away #1

Mehr Frauen zum Gründen bringen

„Welche Metriken sollten bei der Förderung von Startups eine Rolle spielen?“– Eine Frage, die beim Fachforum aus dem Publikum gestellt wurde. Die Antwort von Kati Ernst, Vorstandsmitglied beim Startup-Verband: Der Anteil der Female Founders! Die Start-up-Welt braucht Frauen – die Gründerinnen-Quote stagniert seit Jahren bei 20 Prozent – hier schlummert ein immenses Potenzial, das schlichtweg nicht genutzt wird. Auch Matthias Notz vom Start-up-Hub „Start2 Group“ sagt: „Wir als Land lassen die Frauenpower in dem Sektor liegen!“ Unternehmerin Julia Neuen (Peaches) appelliert: „Wir müssen es Frauen schmackhaft machen, ihre Ideen umzusetzen.“

Der Frauenanteil in der Startup-Welt verharrt seit Jahren bei 20 Prozent – das müsse sich ändern, forderte Dr. Kati Ernst vom Startup-Verband. ©Lena Ganssmann / Tagesspiegel

Key Take-Away #2

Geld ist genug da, es muss nur verfügbar gemacht werden

Deutschland mangelt es nicht an Kapital – im Gegenteil: Große institutionelle Anleger wie Versicherungen oder Pensionskassen verwalten enorme Summen, die grundsätzlich auch in Innovationen investiert werden könnten. Das Problem liegt jedoch in den bestehenden regulatorischen Rahmenbedingungen. Derartige Rahmenbedingungen schränken Investitionen in Venture Capital und Start-ups stark ein. Die Folge: Gerade in Wachstumsphasen sind deutsche Startups häufig auf ausländisches Kapital angewiesen, wodurch nicht nur Einfluss, sondern auch ein erheblicher Teil der Wertschöpfung ins Ausland abfließt. Gleichzeitig zeigt der Blick in andere Länder, dass es auch anders geht – etwa durch gezielte Quoten oder staatliche Anreize für VC-Investments.

Key Take-Away #3

Reinvestition ins Ökosystem als zentraler Hebel

Was kennzeichnet ein erfolgreiches Innovations-Ökosystem? Die Beteiligten – seien es Startups, Universitäten, Investoren oder Acceleratoren – kollaborieren mit- und untereinander, es entstehen Synergien. Beispiele sind etwa die „Startup Factories“. Was ein Ökosystem auf Dauer erfolgreich macht, ist allerdings etwas anderes: Die Reinvestition durch diejenigen, die im Ökosystem groß geworden sind. Wer sein Unternehmen erfolgreich verkauft hat, reinvestiert ins System: Zeit, Geld, Wissen fließen zurück, es entstehen neue Mehrwerte, die sich entsprechend potenzieren. Dieser „Virtuous Circle“ wiederholt sich etwa im Silicon Valley seit 40 Jahren – und erklärt seinen Erfolg.

Debattierten über Startup-Förderung als politische Herausforderung: Johannes Kuhn (Tagesspiegel), Staatssekretär Thomas Jarzombek MdB und TK-Chef Dr. Jens Baas (v. l. n. r.). ©Lena Ganssmann / Tagesspiegel

Organisationsberaterin Vanessa Schmoranzer plädierte dafür, stärker in den Blick zu nehmen, wie aus Start-ups tatsächlich skalierbare Unternehmen werden. Dafür brauche es ein durchgängiges „Operating Model“ für das gesamte Ökosystem: klare Zuständigkeiten, abgestimmte Prozesse und ein gemeinsames Zielbild. Entscheidend sei, dass nicht nur kooperiert wird, sondern, dass jemand die Gesamtverantwortung übernimmt: „Wir müssen klären, wer orchestriert, wie die Rollen verteilt sind – und wie aus vielen guten Einzelinitiativen ein funktionierendes Gesamtsystem wird.“

Key Take-Away #4

Strukturen müssen vereinheitlicht, Prozesse standardisiert werden

Zu wenig Startups? Ganz im Gegenteil: 2025 erreichte die Zahl der Startup-Gründungen ein neues Rekordhoch. Schwierig ist nicht der Start, sondern die Skalierung: Erreichen Unternehmen die späteren Phasen und haben bereits eine substanzielle Größe erreicht, droht vielen das Aus – Insider sprechen vom „Valley of Death“. „Was wir brauchen, sind einheitlichere Strukturen,“ erklärte TK-Chef Dr. Jens Baas auf dem Fachforum. Prozesse rund ums Gründen müssten harmonisiert werden, quasi nach einem Baukastensystem für Start-ups. Das gelte insbesondere für Gründungen im Gesundheitsmarkt.

Austausch und Networking waren integraler Teil der Veranstaltung: Die Mittagspause verbrachten die Teilnehmenden bei einem „Startup-Walk“ in der Tagesspiegel-Rotunde. ©Lena Ganssmann / Tagesspiegel

Key Take-Away #5

Gründen muss einfacher gemacht werden

Es ist nicht neu: Unternehmertum und insbesondere risikobehaftete Start-up-Gründungen werden in Deutschland oft mit Skepsis und Argwohn beäugt. Seit Jahren wird ein Mentalitätswandel gefordert: ein Mindset, das Mut und Experimentierfreude honoriert und nicht abstraft. Matthias Notz brachte es beim Fachforum auf den Punkt: „Wenn wir fragen, ‚wer will scheitern‘, meldet sich keiner. Wenn ich frage, ‚wer will schnell lernen‘, melden sich viele!“ Zu den Hemmschwellen gehört außerdem die große Bürokratie. „Wir müssen Gründen einfacher machen“, forderte darum Thomas Jarzombek, parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesminister für Digitales und Staatsmodernisierung, im Rahmen des Fachforums. Die Notarpflichten müssten entschlackt, Prozesse wie das Zuteilen der Steuernummer beschleunigt werden. Auch die Einführung der „EU Inc.“ als neue Gesellschaftsform will Jarzombek stärker pushen.

Möchte mit Motto-Strumpfhosen von Berlin aus den Weltmarkt erobern: Vivien Wysocki, Gründerin des Modelabels Saint Sass, präsentierte auf Plakaten statt PowerPoint-Folien. ©Lena Ganssmann / Tagesspiegel

Statement-Galerie

Thomas Jarzombek MdB - Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesminister für Digitales und Staatsmodernisierung

"Noch nie wurden in Deutschland so viele Start-ups gegründet wie 2025 – das zeigt, welches Potenzial im Standort steckt. Mit Blick auf die Startup-Förderung ist für mich klar: Wir brauchen keinen „Volkseigenen Betrieb (VEB) Startup“! Die Ideen sollen nicht Politikern gefallen, sondern müssen aus dem Markt kommen. Anders gesagt: Der Staat sollte als Ankerkunde und Türöffner fungieren, aber es darf kein Crowding Out privater Investition geben."

Dr. Jens Baas - Vorstandsvorsitzender der Techniker Krankenkasse

"Restriktive Vorgaben machen es Start-ups im Gesundheitsbereich schwer. So auch beim Datenschutz: Wir brauchen hier eine angemessene Chancen-Risiko-Abwägung. Gerade für Innovationen im Gesundheitssektor ist die Verwendung von Daten unverzichtbar. Dieser Grund plus die Tatsache, dass viele Start-ups und Scale-ups im Gesundheitsbereich aktuell noch zu sehr auf ausländische Investoren angewiesen sind, sorgt dafür, dass ein erheblicher Teil der Wertschöpfung ins Ausland abfließt. Das muss sich dringend ändern!"

Katharina Beck MdB - Finanzpolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen und stellvertretendes Mitglied im Ausschuss für Wirtschaft und Energie

"Ich wünsche mir eine größere Liebe für diejenigen, die gründen. Die deutsche Debatte spiegelt nicht wider, wie relevant die Startup-Welt ist. Wir haben viele gute Ideen! Was mir allerdings Sorge macht, ist das „Valley of Death“. Gerade die späteren Phasen werden für Startups oft zum Knackpunkt. Hier muss sich etwas tun."

Dr. Achim Plum - Geschäftsführer, High-Tech Gründerfonds (HTGF)

"Aktuell sehen wir, dass wieder mehr Geld investiert wird, allerdings vor allem spätphasig, wenn Risiko geringer ist. Was allerdings ein echtes Problem bleibt: Institutionelle Anleger dürfen in Deutschland kaum in Startups investieren. Warum? Mir ist keine empirische Studie bekannt, die zeigt, warum Kapitalsammelstellen nicht in Startups investieren sollten."

Dr. Kati Ernst - Gründerin, ooia & Vorstandsmitglied, Deutscher Startup Verband

"Als Startup-Verband sind wir großer Hoffnung, dass die Ankündigungen der Bundesregierung Realität werden. Es lohnt, den Blick auch ins Ausland zu richten: Frankreich etwa hat die Förderung von KI-Startups zur Priorität gemacht. Italien setzt gezielt Anreize, damit Pensionskassen verstärkt in Venture-Capital-Fonds und damit in die heimische Startup-Szene investieren. Auch Business Angels, die Unternehmen frühzeitig unterstützen, profitieren von gezielten steuerlichen Entlastungen. In Deutschland mangelt es nicht an Kapital – es muss nur mobilisiert werden!"

Prof. Matthias Notz - CEO Start2 Group (StartUp Hub)

"Viele fragen sich, was das Silicon Valley so erfolgreich macht. Das Geheimnis ist der „Re-invest“: Die Gründerinnen und Gründer, die hier groß werden und einen erfolgreichen Exit machen, bleiben im Ökosystem aktiv: Sie stecken ihre Zeit und ihr Geld wieder ins System, re-investieren, engagieren sich in Boards oder als Mentoren. Das geschieht seit 40 Jahren, der Re-invest steigt Jahr für Jahr!"

Julia Neuen - Founder & CEO, peaches

"Ich habe selbst gegründet – ohne Geld, ohne akademischen Hintergrund und ohne Netzwerk. Heute engagiere ich mich für die Initiative „Gründen ohne Grenzen” der Bertelsmann-Stiftung, gehe an Unis und werbe fürs Gründen. Wir müssen Hürden abbauen und insbesondere mehr Frauen dazu bringen, ihre unternehmerischen Ideen umzusetzen. Das ist umso wichtiger, weil Frauen eher im Impact-Bereich gründen, etwa im Sozial- oder Gesundheitswesen. Hier ist der Innovationsbedarf immens!"

Vanessa Schmoranzer - Founder & Owner, Neostability 

"Das Problem sind nicht die Ideen, sondern die Strukturen, in denen sie wachsen sollen. Wir können nicht mit einer Startup-Logik Skalierung betreiben. Der Übergang von der Startup-Phase in die Phase des Unternehmensaufbaus ist quasi ein Systemwechsel – mit neuen Anforderungen und daher auch neuen Rahmenbedingungen. Für diesen Systemwechsel bräuchte es ein „Operating Model“ mit klaren Rollen, Prozessen und Zielen. Heute gibt es viele starke Akteure, aber zu wenig Verbindlichkeit im Zusammenspiel. Ein möglicher Ansatz wäre ein „National Scale Office“: eine operative Einheit, die genau diese Skalierungsphase in den Fokus nimmt und den Übergang vom Startup zum skalierenden Unternehmen aktiv vorantreibt."

 

Gründerinnen-Galerie

Im Rahmen eines „Startup-Walks“ stellten sich vier weiblich-geführte Startups vor:

 

Artikel teilen